... mit den Augen nähen - füllt nicht den Kleiderschrank, macht aber manchmal auch sehr glücklich...

Gedanken ...

Kennt ihr das? Da gibt es ein Stündchen Müßiggang, eine Tasse Kaffee oder Tee stehen auf dem Tisch in meinem Nähzimmer, daneben der gemütliche Sessel für die vielen letzten Stiche von Hand, die Sonne blitzt herein und eigentlich habe ich noch ein begonnenes Projekt neben der Nähmaschine liegen. Eigentlich. Die Zeit ist für ein ausführliches "Wieder-hineindenken" fast zu kurz, die Begeisterung für ein paar wenige Stiche eher klein, die Lust auf Nähen ungebrochen und die Freude in meinem kreativen und inspirierenden Chaos zu sitzen nach wie vor groß.

Es gibt nicht viel, das mich so ins Schwärmen bringt: Ich liebe die klassischen, handwerklichen Nähschritte, ich mag es ein genähtes Werkstück in die Hände zu nehmen, es hin und her zu wenden, mir die Nähte anzuschauen, besondere Stellen wie Tascheneingriffe oder Randlösungen mit den Augen in ihrer Entstehung Schritt für Schritt nachzuverfolgen. Das kann fast genau so befriedigend sein wie das Nähen selbst - herausfinden WIE etwas genäht wurde, welche Schritte und in welcher Reihenfolge notwendig waren, um zu diesem oder jenem Ergebnis zu gelangen.

Fast ebenso viel Spass macht es mir auch, in alten Heften zu stöbern, längst vergessene Anleitungen zu lesen, die Konstruktionszeichnungen genau zu studieren und ganz tief in die Bilder hineinzusehen. Was liegt da näher, als mit der duftenden Tasse Kaffee in der einen Hand, mit der anderen in ein paar Heften zu blättern und mit den Augen zu nähen ... Beim Durchblättern der alten BurdaStyle-Hefte habe ich im Geiste schon viele Kleider genäht - auch wenn der Kleiderschrank davon nicht voller wird, ich fühle mich danach oft sehr frisch und erholt ...

Ich blättere ein altes Heft durch, manchmal schon zum x-ten Male. Darin finden sich viele Modelle, die überblättere ich einfach, weil sie Modeerscheinungen sind oder mir schlicht nicht gefallen. Manche Modelle passen vom Schnitt her nicht zu mir, manche nicht in meinen Kleiderschrank, manche an diesem Tag einfach nicht zur aktuellen Stimmung oder Jahreszeit. Dann sind da aber auch die Dauerbrenner-Teile, an denen bleibe ich jedesmal beim Durchblättern eines Heftes hängen! Die gefallen mir genau so gut wie am ersten Tag. 

Meine Fantasie beginnt zu arbeiten: im Geiste suche ich schon nach einem passenden Stoff, überlege, ob ich Schuhe dazu habe, welche Jacke oder welches Oberteil passen würden. Und dann "nähe" ich dieses Kleid aus einem der wohlgehüteten Stoff-Schätze, manchmal gleich aus zwei verschiedenen Stoffen, weil ich mich nicht entscheiden kann. Zuvor durchsuche ich aber noch die Anleitung nach möglichen Problemen oder kniffligen Stellen bei der Fertigung, löse diese im Geiste, bin jetzt endlich soweit, dass ich aus dem bequemen Sessel aufstehen will (der Kaffee ist leer - oder kalt), um das Schnittmusterpapier auszurollen, den Schnittbogen aus dem Heft zu lösen und beginnen möchte die passende Größe zu übertragen --- fast ... 

Denn in diesem Augenblick bemerke ich, dass die Zeit der Muße, abseits des Alltags und der Hetze vorbei ist, dass keine Zeit mehr für Träume und alte Hefte bleibt, die Realität mich zurück ruft - ich klappe das Heft zu, markiere mir (für später) noch schnell mit einem Postit die Seite, schreibe in schönen Lettern auf den aus dem Heft herausschauenden Papierstreifen noch: "Etuikleid, Modell XY, aus dem blauen Baumwollsatin oder der schwarzen Wildseide nähen". Dann klappe ich das Heft nun wirklich zu, stecke es zurück in den Stehsammler mit den Heften von 2014 und 2015 (oder sind eure Hefte auch manchmal noch älter?), gehe in Gedanken versunken in die Küche, wo ein weiteres Projekt auf mich wartet, das zumindest in der nächsten Stunde ebenfalls meine volle Aufmerksamkeit verdient: das Abendessen.

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